Loyalität - ein Erklärungsversuch
Es war ein Mittwoch Abend, der Japanischkurs für Anfänger war gerade vorbei, es war also nach 19:45 Uhr, man könnte sagen kurz nach 20:00 Uhr bereits.
Die Wahl des Abendessens fiel auf das Café Emaille, gemütliches Beisammensitzen bei angenehmer Temperatur im Außenbereich.
Und wieder wurde ich angesprochen auf meine Einstellung zur Menschheit. Besser gesagt, meine Art mit Menschen in meiner, mehr oder minder direkten, Umgebung zu verfahren.
Da ich zur Spezies Mensch gehöre, die sich schlecht durch gesprochene Worte, jedoch besser durch durchdachte, geschriebene Worte ausdrücken kann, möchte ich den Inhalt des Gespräches gerne noch einmal tangentiell Revue passieren lassen.
Nach Aussage, wie ich mit Menschen verfahre, über die ich mich nur ärgern muss, erhielt ich zur Antwort, das könne man auch freundlicher regeln. Im Nachhinein muss ich sagen, ja, er hatte Recht. Man könnte das freundlicher regeln, ich bin mir sogar sicher, dass das geht. Jedoch die Antwort, als ich eine der berühmten W-Fragen, "Wie" stellte, war mehr als nur ungenügend und lässt mir hier nun viel Raum um meine Position klarer darzustellen.
Die Antwort war: "Wenn du jemanden nicht magst, dann geh ihm doch einfach aus dem Weg. Die Leute merken das schon, wenn du auf Abstand gehst und verstehn dann ja auch, warum."
Diese Antwort ist inakzeptabel.
Vermutlich weil ich nicht klar gemacht habe, _wen_ ich nicht mag, beziehungsweise, was ein Mensch tun muss, um aus meinem Weltbild gelöscht zu werden.
Ja, gelöscht. Die Delete-Taste gibt es durchaus in meinem kleinen Gedankenbild. Sehr einfach zu bedienen. Aber dazu später.
Vermutlich klang es so, als würde ich zu jedem unfreundlich sein, der mir einmal in die Quere kommt. Dem ist nicht so.
Es braucht viel, oder qualitativ viel, um für mich zu heißer Luft zu werden.
Ganz schnell geschieht das bei Personen, die von Anfang an einen kleinen Dorn besitzen, an dem ich mich oft piekse. Der HSDS, wie einige Einträge zuvor beschrieben, zum Beispiel. Man erkennt solche Menschen auf den ersten bis zweiten Dialog.
<-- Auch ich wurde überrascht von einer Person, die ich in einem früheren Eintrag erwähnte. Die bisher einzige Person, bei der ich mir sicher bin, sie bisher absolut nicht durchschaut zu haben, oder eine Ahnung zu haben. Interessant, in der Tat.-->
Oh ja, ich behaupte durchaus, eine bessere Menschen-ER-kenntnis zu besitzen als manch anderer. Keineswegs perfekt, doch ich kann damit sehr gut sondieren und vorherbestimmen.
Ich weiß heute schon, mit wem ich morgen nicht mehr so oft reden werde, und ich weiß sogar weshalb.
Verstehen sie mich nicht falsch, ich provoziere sehrsehr selten Streitigkeiten und ich lege es ebenso selten darauf an. Ich sage nur vorher. Und "Morgen" ist ein weitreichendes Zeitfenster.
Mit diesen Leuten gehe ich vorsichtig um.
Man könnte beinahe sagen, in manchen Fällen studiere ich diese Menschen, um für spätere Begegnungen mit Personen selbiger Art gewappnet zu sein, schneller zu erkennen, womit ich es zu tun habe. Eine kluge Taktik, zumindest erscheint sie mir so. Und sind wir ehrlich, wir alle sind so, nicht wahr?
Um auf das Thema zurückzukommen, und ich muss hier einen weitreichenden Bogen machen: Loyalität.
Warum spreche ich das in diesem Zusammenhang an?
Die Erklärung ist simpel, doch bedarf vieler Worte. Ich will es einmal versuchen:
Es gibt verschiedene Stadien der Freundschaft. Wir gehen einfach mal davon aus, diese "Freundschaft" wie wir sie allgemein definieren existiert irgendwo in den Herzen der grauen Gesellschaft. Oh, graue Gesellschaft... ein schöner Begriff. Ich werde ihn beizeiten erklären.
Aber zurück, die Stadien der Freundschaft. Alles fängt, sofern Höflichkeitsformen vorhanden sind, mit einem Händedruck, einer Vorstellung des eigenen optischen Ichs an.
Aus "Gesehen" wird nach einiger Zeit "Bekannt". Aus "Bekannt" folgt einige Zeit später der neumodische Begriff "Kumpel" oder "Kollege". Beides beschreibt ein Stadium, in dem man gerne mit den Leuten seine Freizeit verbringt, jedoch nicht unbedingt die intimsten Geheimnisse mit ihnen teilt.
Von "Kumpel" zu "Befreundet"... ein beinahe fließender Übergang. Doch das Endstadium "Freundschaft" wächst langsam, stetig, aber langsam - sofern genügend Nährstoffe vorhanden sind.
Ich kann nur von mir selbst sprechen, jedoch erkenne ich bereits nach wenigen Begegnungen, die Zahl liegt bei zwei bis drei (für Unvorhergesehenes, einmal vorgekommen in einem Jahr). Man erkennt, wer heuchelt. Man erkennt, wer vorneherum freundlich ist.
Der Trick ist einfach. Blicke sprechen mehr als Worte, Mimik ist verstellbar. Doch eine Mimik, die nur dazu dient, die Worte zu unterstützen, während die Augen, Blicke und gesamte Körpersprache etwas anderes sagen, ergeben ein groteskes Bild beim Betrachter.
Vorsicht bei solchen Menschen.
Nein, nicht immer. Man findet schnell heraus, ob betreffende Person unsicher, schlecht gelaunt, ungerecht oder uninteressiert war. Das ist eines der leichtesten Dinge.
Ah, Loyalität war das Stichwort.
Ja, man erkennt, wer loyal sein kann. Potenzielle Freundschaften lassen sich hier schon erkennen, wenn man die Augen öffnet. In beinahe 90% der Fälle beruht dies auf Gegenseitigkeit.
Warum ich das Wort "Loyal" in diesem Kontex nutze... das versuche ich zu erklären.
Ich stelle fest, es ist schwieriger als ich dachte.
Veranschaulicht könnte man es beschreiben, als Treue, diese "Loyalität". Als Ehrlichkeit, als ehrliche Meinungs- und Gedankenäußerung.
Das Modewort "Freundschaft" wird eben genau durch diese Worte definiert. Ehrlichkeit. Treue. Meinungsäußerung. "Gemeinsam durch dick und dünn gehen"- Loyalität.
Wie oben erwähnt, man erkennt früh, wer zur Freundschaft taugt.
Man erkennt früh, wer loyal sein kann und wird.
Es sind diese Menschen, in deren Hände man seine Seele und sein Leben legen kann und sicher sein kann, dass sie es nicht verkaufen. Bei denen man sicher sein kann, dass sie das Leben nehmen, und sicher verwahren für Momente, in denen wir keinen Ausweg sehen.
Es ist diese Art Mensch, mit der wir Abende schweigend verbringen können, ohne eine unangenehme Stille auszuhalten.
Es sind genau diese Menschen, die offene Ohren haben für Dinge, die ihnen selbst im ersten Augenblick lächerlich erscheinen mögen.
Es sind Menschen, mit denen man sich prügelt, zerstreitet und immer wieder einen Weg zurück findet.
Es sind Menschen, die immer hinter einem stehen und vor einem stehen, wenn es gebraucht wird.
Menschen, die, auch wenn man falsch handelt, einen versuchen nach Möglichkeit zu unterstützen.
Ich weiß nur von mir selbst, ich bin loyal. Ich gehe für Menschen, für die ich Sympathie hege, durchs Feuer. Ich denke nicht an Eigennutzen. Ich denke nicht an Belohnung.
Ich mache einen Schritt vorwärts.
Ich übertrete oft die Grenzen und erkenne meist zu spät, dass ich ausgenutzt wurde, belogen wurde, betrogen wurde. Dass ich für jemanden durchs Feuer bin, für den ich damals nur eine Bekanntschaft war. Es macht vorsichtiger, jedoch nicht klüger.
Der Gedanke "Würde er / sie das auch für mich tun?"... Der Gedanke kommt mir nie in den Sinn.
Es braucht loyale Menschen.
Diese Welt erstickt in Heuchlern.
Man findet einen wirklich loyalen Menschen meist unerwartet durch Zufall, meistens jedoch nur einmal im Leben.
Einen habe ich bereits gefunden.
Auf Freundschaften warte ich. Es muss mehr loyale Menschen geben.
Und eines Tages werde ich sie finden.
Bis dahin... bleibe ich so wie ich bin. Dinge, Menschen, über dich ich mich nur ärgern muss, oder oft genug geärgert habe, verschwinden aus meinem Weltbild.
Man lebt nur einmal.
Man sollte es auskosten.
Wenn sie aus dem Haus gehen, fragen sie sich, für wen sie durchs Feuer gehen würden.
Und wagen sie es nicht, zu erfragen, ob derjenige dasselbe tun würde. Sollte der Gedanke kommen, erzwingen sich von sich selbst keine Antwort.
Andernfalls muss ich ihnen das hier sagen: Sie oder die gedachte Person sind ein Heuchler.
Freunden sie sich mit diesem Gedanken an.
Heuchler braucht tatsächlich niemand.
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