
Two – Der Wind in den Haaren
Die Kälte kroch ihm langsam von den Fingerspitzen den Arm hinauf und stach in sein Herz.
Ein kühler Wind zerzauste sein Haar und zerbrach letzendlich an seinem festen Stand. Er stütze sich auf das Geländer und sah vornübergebeugt nach unten auf die schwarze Oberfläche des Flusses.
Wie ein Spiegel zeigte das Wasser dort die Sterne, die er am Firmament schon seit so langer Zeit vermisste. Das leise schaukeln der Brücke, das ihn sanft in den Schlaf wiegte, nahm er nur dumpf wahr. Das Radio eines vorbeifahrenden Fahrzeuge trug eine beruhigende Melodie an sein Ohr.
..Sleep and fade away
..inside these walls we wait
..Wake up to the silence
..after judgement day
Ein schmales Lächeln war auf seinem Gesicht zu sehen.
„Du hast Recht.“
Er sah in die großen Augen des samtigen Tieres neben sich. In dieser Nacht schimmerte sein Fell beinahe silbern unter dem hellen Licht des Mondes. Der Bote schloss langsam seine Augen und öffnete sie wieder. Die erste Bewegung diesen Abend.
Es sollte die einzige bleiben.
„Von Anfang an hattest du das. Ich hätte es wissen sollen.“
Keine Reaktion, keine weitere Bewegung. Wie oft hatte er diese Worte bereits gehört? Wie oft schon in dieser einen Nacht? Unzählige male. Und jedes mal waren sie die Wahrheit.
Die ruhigen Augen spiegelten Geduld wider.
Er lächelte wieder und sah hinunter auf das Wasser. Ein sanfter Windhauch stahl ihm das Blatt Papier aus seiner Hand und trug es tanzend in die Nacht.
Er würde es nie absenden.
...Sleep and fade away...
Langsam setzten sich beide Füße auf den schmalen Streifen Stahlbeton vor dem Geländer.
...Inside these walls we wait...
Die Augen schlossen sich, noch immer ruhte ein geduldiger Blick auf ihm. Ein tiefer Atemzug, die Kälte durchdrang seinen Brustkorb und Reif schlug sich in seinen Adern nieder.
Leben.
...Wake up to the silence...
Eiskalter Wind riss an seinen Haaren, riss an seiner Kleidung und seiner Haut. Stück für Stück verlor er sein Gefühl für Zeit und Raum. Die Kälte befreite seine Gedanken als er in den Himmel stürzte.
Ein befreites Seufzen folgte dem Wind hinaus in die Nacht.
...After judgement day...
Die Stille folgte und verweilte an jenem Ort.