Inner Universe
Ah, no. Das ist kein neuer Titel eines melancholischen Blogeintrags.
Überhaupt wird dieser ganze Blog nicht melancholisch.
Zumindest habe ich es nicht vor.
Erstaunt? Nunja, ich auch.
Das fing alles vor acht Wochen an.
Ich bin ausgezogen.
Ah, nein, nicht was sie denken. Auszug, ja. Nicht der Auszug selbst hat das zu verantworten, vielmehr ist diese Örtlichkeit, in der mich in diesem Zeitabschnitt befinde, dafür verantwortlich.
Ein komplizierter Satz, nicht wahr?
Ich will es anders formulieren:
Vorher - Heilbronn + 20min dahinter, Kleinstadt.
Messerstechereien, Pöbeleien selbst vor der Haustüre, kein Mensch steht einer alten Frau im Bus auf und bietet seinen Platz an.
Jetzt - Karlsruhe - 10min Tram zur Hochschule.
Bestimmt mindestens soviel Messerstechereien, Pöbeleien ebenfalls, doch die Menschen bieten älteren Mitmenschen ihre Sitzplätze an.
Langsam verstehen sie, worauf ich hinaus will, ja?
Richtig.
Diese Stadt ist sozial.
Ich war nie ein Fan dieser "Macht das Stadtbild schöner!"-Kampagnen. Halten sie mich nicht für stadtriotisch (Ich denke mal, das bedeutet in etwa "patriotisch" nur auf Städte bezogen. Sie wissen schon, pater-Vater und dieser Lateinkrams... nein, vermutlich nicht. Vergessen sie es einfach wieder).
Die Hauswand vor meinem Fenster wurde durch eine lärmende Straße mit Tramhaltestelle ersetzt, ich sehe sogar neun Bäume hier. Zehn, wenn ich mich nach vorn lehne.
Und ich liebe diese Straße mittlerweile.
Wenn sie fünf Jahre lang auf eine Hauswand mit einem großen, schwarzen, unfreundlichen Fenster gestarrt haben, werden sie es verstehen, wie man Abgase und LKW Lärm lieben kann, vertrauen sie mir.
Ah, und dann waren da noch die Bäume.
Diese Stadt ist grün. Ich sehe Rasen. Ich sehe Bäume. In einer Stadt, die sich um den Posten der Haupstadt Europas beworben hat. Man sollte beinahe denken, hier sei kein Platz für solche grünenen Angelegenheiten. Nunja, falsch.
Man bekommt beinahe einen Farbflash, wenn man hier lange unterwegs ist. Nicht einmal die Häuser in der Innenstadt und im genauen Stadtzentrum des Geschehens sind Einheitsgrau.
Es ist normal, in der Bahn aufzustehen und seinen Platz den Ergrauten anzubieten.
Es ist normal, Menschen nach dem Weg zu fragen. Man bekommt sogar freundliche Antworten.
Ein Lächeln. Von Wildfremden Menschen.
Dazumal hat das Studium begonnen. Ich konnte neue Leute kennenlernen, von denen ich mittlerweile durch eine Reihe kleiner Tests, über die Hälfte sehr gut einschätzen kann. Klingt das seltsam? Mag sein, doch wissen sie etwa nicht gerne, mit wem sie sich den Tisch teilen beim Mittagessen? Nunja, ich schon.
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Drei Jahre Umgang mit Idioten, minderbemittelten Wesen dieses Planeten und einfach (- nein, dieses Wort werde ich hier nicht nutzen- ) Schlampen (verdammt, ich habe es doch getan... ) sind vorüber. Einige der eingebildedsten sind nicht einmal studieren gegangen.
Ob ich denke, ich sei etwas besseres als diese Menschen? Ja, als exakt _diese_ Menschen.
Eines meiner kleinen, persönlichen Myterien meiner kleinen, inneren Welt hat sich in einen Schwall von Rauch aufgelöst:
Ich verstehe plötzlich Mathematik.
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Einmal wurde ich gefragt, an was ich glaube. Ich denke, ursprünglich war der Gedanke dieser Frage religiös. Doch ich frage sie, ist nicht jede Art von Religion nur ein Glaube, an etwas Übermächtiges?
Nun denn. Ich habe meine Antwort von damals geändert:
Ich glaube an etwas. Kein Gott, keine ... doch, eine höhere Macht. In diesem Sinne jedoch:
Ich glaube daran, das alles einmal besser wird.
Nach bald 21 Jahren war das beinahe überfällig.
Wenn sie das Haus verlassen, zählen sie die Bäume, die sie sehen.
2 Kommentare:
hey, klingt aj nich schlecht dort in karslruhe :D
wenn ich denk, wie die freaks (abiturienten?) heut im bus abgegangen sind...mit alk und was auch immer...whohoo...
aber hey, du hast bei uns an der schule die schminkfabrik ned gesehen, dazu noch die parfümfabrik um die ecke und nicht zuvergessen, die kleinen hauptschüler - alias nutten vom dienst :D is so, bleibt so.
Sehr schöner Blogeintrag. Allgemein schön, dass es einen neuen Blog von dir gibt =)
Karlsruhe ist wirklich schön, auch wenn ich längst noch nicht so viel gesehen habe wie du. Aber alleine die Menge an Grünflächen und Parkanlagen sind beeindruckend. Absolut ungewohnt für jemanden der aus einem Land kommt, wo Platzmangel ein dominierendes Kriterium für den Städtebau ist.
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